Das Lavendel-Refugium Der Sommer 2023 in München war heiß, doch in Nicoles Zimmer im zweiten Stock blieb die Luft kühl und schwer vom Duft getrockneten Lavendels. Das sanfte Lila der Wände schien das grelle Sonnenlicht zu schlucken und in ein gedämpftes Dämmerlicht zu verwandeln. Nicole lag unbeweglich in ihrem Bett. Die weiche Flanellbettwäsche schmiegte sich an ihre Haut, ein kleiner Trost gegen die Starrheit ihres eigenen Körpers. Mit 14 Jahren war sie in einer Welt gefangen, die genau die Maße ihrer Matratze und ihres Rollstuhls hatte. Die Spinale multiple sklerosierende Muskelhypotonie-Typ 3 hatte ihr vor drei Jahren erst die Schritte, dann die Worte und schließlich die Kontrolle über ihre Bewegungen geraubt. Ein Blick in die Stille Ihre tiefbraunen Augen waren geöffnet, wirkten aber wie Fenster zu einem Haus, in dem niemand mehr ans Telefon ging. Ihre hellbraunen, gewellten Haare breiteten sich wie ein Fächer auf dem Laken aus – Claudia, ihre Mutter, bürstete sie jeden Morgen hingebungsvoll, bis sie glänzten. Es war eines der wenigen Rituale, die von der „alten“ Nicole geblieben waren. An der Wand gegenüber fixierte das Poster von Gabriel Byrne als D’Artagnan die Stille des Raumes. Sein Blick war kühn und wachsam, ein krasser Gegensatz zu Nicoles fixierten Gelenken – den Armen in Beugestellung, den Händen in der sanften, aber unnachgiebigen Pfötchenstellung. Die Hüter der Welt Plötzlich öffnete sich die Tür leise. Maria, die Pflegerin, trat herein, gefolgt von Mehr sehen